Twitter und Identi.ca
Twitter ist ja schon ein sehr interessantes Phänomen im Internet. Immer wieder fragen mich Bekannte, Freunde oder Kollegen, was es denn mit diesem Dienst auf sich habe. Ich tue mich schwer damit, eine griffige Begründung dafür zu finden, warum ein Service, der nichts anderes tut, als SMS-lange Nachrichten in einem Zeitstrahl sortiert darzustellen, so erfolgreich ist.
Gut, es gibt ja bei Twitter ein paar weitere Funktionen: Freunde hinzufügen, die einzelnen Nachrichten sortiert nach Freunden, Direktnachrichten und Antworten darstellen. Aber das wars auch schon. Selbst primitivste Blogsoftware bietet weitaus mehr Funktionen. Aber darin besteht ja auch der Reiz Twitters: Es ist so wunderbar einfach. Da steht eine simple Eingabeaufforderung: „What are you doing?” Und dann habe ich 140 Zeichen zur Verfügung, um Unsinn zu schreiben. Die Beschränkung auf das Wesentliche scheint den Erfolg dieses Simpel-Netzwerks zu sein.
Natürlich bleibt kein Dienst im Netz ohne Konkurrenz. Vor allem die Open-Source-Gemeinde ist ja stets eifrig dabei, freie Lösungen auf den Markt zu bringen, wo vorher nur einzelne Firmen ihre proprietären Produkte anboten.
Und während Twitter mit dem steigenden Erfolg auch mit wachsenden technischen Problemen zu kämpfen hat, konkurriert nun mit identi.ca auch ein sehr guter Klon davon im Netz. Allerdings mit einem sehr spannenden Unterschied: Während bei Twitter alle Nachrichten über einen eigenen Server verwaltet werden, gibt es bei identi.ca so eine zentrale Instanz nicht: Jeder hat die Möglichkeit, einen eigenen Server zu betreiben, der dann wiederum mit den restlichen abgeglichen wird.
Es ist eine lange und müßige Diskussion, wie man Open-Source-Software beurteilt, die erfolgreiche Konzepte kopiert, bevor die Unternehmen damit Geld verdienen konnten. Klar ist aber, daß Twitter damit einen starken Konkurrenten bekommt. Das zwingt zum Weiterdenken. Denn der Anfangserfolg war ja nichts, woraus Kapital geschlagen werden konnte. Privatpersonen, die nichts für den Dienst bezahlen, tauschen absurde Wortspiele, kurze Gedanken und spontane Wutausbrüche aus.
Was aber können Unternehmen aus diesem Phänomen lernen? Oder anders gefragt: Wann kommt der Corporate Twitter? Mit dem die IT-Abteilung kurz über die Verfügbarkeit bestimmter Anwendungen informiert? Und nur diejenigen Mitarbeiter, die diese Anwendung auch nutzen, „folgen” diesem Profil? Oder wann werden Gerüchte und Flurfunk über einen solchen Service gestreut? Das wäre zumindest ein Fortschritt gegenüber früher.
Ich glaube, dass der Erfolg von Twitter und Konsorten aber vor allem eines zeigt: Im heutigen Alltag werden viele Menschen nicht mehr mit den Informationen fertig, die auf sie einprasseln. Das E-Mail-Konto zeigt 200 ungelesene Nachrichten, im iChat sind zehn Fenster mit unbeantworten Unterhaltungsanfragen offen, das Telephon klingelt und eigentlich wollten sie doch nur diesen einen Blogeintrag schreiben.
Dennoch möchte niemand wichtige Informationen verpassen. Und da kommt ein solcher Dienst wie gerufen: Im Gegensatz zu Chat-Clients wie Skype oder iChat ist Twitter unverbindlich: Niemand kann sehen, ob ich on- oder offline bin. Ich kann antworten, muß aber nicht. Ich konsumiere die Information, die mich interessiert. Und muß mich vor allem nicht darum kümmern, die mich nicht interessierende Information zu löschen. Kurz: Dienste wie Twitter stören meinen Büroalltag nicht so stark wie ein Instant-Messenger, sie müllen mich nicht mit Dingen zu, die ich selbst löschen muß und sie geben mir Informationen zu Themen und von Menschen, die mich interessieren.
Und ich bin mir sicher, dass die Information auf den Punkt genau formuliert ist: Dafür sorgt schon die Begrenzung auf 140 Zeichen. Für einen alten Blogger übrigens eine ziemlich neue Erfahrung.
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